Engagierte Jugendliche unserer Gemeinde: Ein Jahr Freiwilligendienst in Sambia. Ein Zwischenbericht

Vielleicht erinnern Sie sich: Vor einem Jahr haben wir an dieser Stelle über Oscar Hornidge (OH), einen Jugendlichen aus unserer Gemeinde berichtet, der seinerzeit einen einjährigen Sozialdienst in Sambia plante. Er hatte versprochen zwischendurch einmal zu berichten. Nun ist er ein halbes Jahr vor Ort und löst sein Versprechen ein. Das Interview ist leider zu lang für den Gemeindebrief geworden, deshalb veröffentlichen wir es an dieser Stelle.

Hallo Oscar, Geht’s dir gut?

OH: Kurz: es geht mir super! In der Langfassung: Ich durchlebe viele Gefühle mit Höhen und Tiefen im Alltag. Durch die ständige Konfrontation mit neuen Begebenheiten lerne ich mich selbst besser kennen und mit stetigen Veränderungen umzugehen.

Manches erscheint mir surreal. Ich bin weit weg von der Familie, in einem fremden Land namens Sambia und arbeitet in einem Projekt, was mir richtig gut gefällt. Ich erlebe derzeit mein bestes Jahr und bin sehr dankbar dafür, dass ich diese Möglichkeit habe.

Es gibt aber auch die Momente, in denen ich mich überfordert fühle. Es ist eben einfach viel, was auf mich einstürmt und mich herausfordert: Zu sechst in einer WG, zu zweit in einem Zimmer leben, haushalten müssen, lernen, mit sechs Stunden Strom pro Tag auszukommen und hin und wieder kein fließendes Wasser zu haben, ständig englisch zu sprechen und Temperaturen von 30 bis 40 Grad Celsius ertragen. Ich bin auf mich gestellt und oft denke ich „Oscar, du musst jetzt erwachsen werden!“

Andererseits empfinde ich es sehr positiv, aus meiner Komfortzone entkommen zu sein. Genau das brauchte ich – „einfach“ raus aus jenem Alltag, den ich in Deutschland hatte. Natürlich war er super für mich in der Schulzeit, aber ich wollte mal was Neues erleben. Neues für die Augen, fürs Ohr, für die Sinne.

Wie gestaltet sich dein Alltag?

OH: Mittlerweile sind sechs Monate vergangen. Elefanten, Zebras, Giraffen, Paviane, Antilopen, Krokodile, Nilpferde konnte ich mit meinen eigenen Augen sehen, die Mosi-Oa-Tunya (lokaler Name der Victoria Fälle) vor und nach der Regenzeit bewundern und ich habe die Malota Community School, an der ich arbeite, lieben gelernt. Meine Nachmittagsprojekte mit den Kids bestehen aus dem Computer-, dem Kunst- und dem Erste-Hilfe-Club. Ich habe gelernt, ein Huhn selbst zu schlachten und zu kochen – nicht nur deshalb bevorzuge ich mittlerweile die vegane Küche. Die Nachbarskinder schauen jeden Tag vorbei und sind gut drauf. In der Kirchengemeinde, die ich an verschiedenen Sonntagen besuche, erfuhr ich, wie schön es sein kann und wie viel Spaß es macht, wenn man zu den gespielten Liedern tanzt. Mein neues Lieblingsessen, das ich hier kennengelernt habe und auch selbst zubereite: Nshima. Ein cremig-fester Maisbrei, den man in einer Hand knetet und zusammen mit zubereitetem Gemüse oder, wenn man es mag, mit Fleisch isst.

Fast jeden Tag etwas Neues. Immer wieder und wieder wird meine Neugier geweckt und ich werde herausgefordert zu entscheiden.

Manchmal treibt mich die Motivation Anderer an. Die Schule, an der ich arbeite, ist einfach cool. Alle Lehrer lieben ihre Schule. Alle Kinder lieben ihre Schule. Ich liebe sie auch! Da hat man einfach Lust auf seine Projekte. Vor allem nachmittags, wenn ich meine eigenen Kurse oder Clubs zusammen mit den motivierten Kindern gestalten kann.

Oft ist es die reine Freude, ein anderes Mal ist es aber auch Anstrengung. Manchmal fordert es meine Reflexion, manchmal mein Interesse, manchmal meine Inspiration. Alles zusammen ist es für mich Freiheit, für die ich sehr dankbar bin.

Wie ist der Heimwehfaktor?

OH: Heimweh hab´ ich meistens nicht. Es kommt darauf an, wie oft ich an mein Zuhause in Bonn und an meine Familie denke, an meine Freunde und an mein altes Leben.

Mein Leben vor dem Jahr ist für mich momentan einfach sehr weit entfernt. Ich bin hier, und das ist meine Realität. Ich bin eben mitten im Jahr. Wenn ich zurückkommen werde, wird es aber wieder genau andersrum sein, denke ich. Die Zeit im Ausland wird sich vermutlich dann anfühlen, wie früher ein Wochenende während der Schulzeit. Einmal geblinkt und schon wird das Auslandsjahr rum gewesen sein.

Heimweh habe ich manchmal, wenn ich öfters mit meiner Familie oder mit Freunden telefoniere. Oder letztens, als wir aus unserem ersten Urlaub zurückkamen und die Schulferien rum waren und man sich wieder zurück in den hiesigen Alltag einordnen musste. Da dachte ich oft an Dinge, die ich in Deutschland öfters gemacht habe. An spaßige Zeiten. So bekam ich für ein paar Tage Heimweh. Jetzt, mittlerweile wieder im Alltag, ist dieses Gefühl verschwunden.

Hast du das Gefühl helfen zu können?

OH: Diese Frage kann ich unterschiedlich beantworten.

Ich gestalte meine Nachmittagsprogramme an meiner Schule und bin auch vormittags jeden Tag im Unterricht dabei. Ich bin mir manchmal nicht sicher, inwieweit ich eine Hilfe bin.

Ich denke, dass vor allem die Nachmittagsprogramme etwas Gutes sind. Im Computerclub lernen einige Schüler mit dem Laptop umzugehen. Falls sie später studieren, wird es ihnen eine Hilfe sein, denn jeder Student muss einen Laptop benutzen können. Dafür nutze ich meinen alten Laptop, den ich von zuhause mitgenommen habe. In meinem Kunstclub fördere ich vor allem die Kreativität der Kids. So können sie am Nachmittag auch Spaß in der Schule haben. Den Erste-Hilfe-Club finde ich sehr wichtig. Erste Hilfe ist besonders wichtig, denn die Rettungskette ist hier nicht so lückenlos wie in Europa.

Die Frage, wie nützlich meine Arbeit ist, ist durchaus berechtigt und beschäftigt mich immer mal wieder, denn bei meinem Freiwilligendienst geht es auch viel um mich selbst.

Auf der einen Seite fördert man den kulturellen Austausch und interkulturelle Beziehungen und macht eine gute Arbeit vor Ort. Auf der anderen Seite lerne ich auch einfach sehr viel über meine Persönlichkeit, für meinen Alltag und meine Zukunft. Also ich denke schon, dass das, was ich tue, gut ist. Ich gebe mir Mühe und reflektiere oft.

Wie ist das Schulsystem und mit welchen Lasten haben die Lehrenden zu kämpfen?

OH: Meine Schule heißt Malota Community School, da sie mitten in der Malota Gegend liegt, dem ärmsten Teil Livingstones. „Thats where life is“ hat eine Bewohnerin Livingstones mal gesagt. Die Schule ist klein, aber schön. Die Arbeitsatmosphäre ist sehr familiär. Alle Schüler*innen sowie Lehrer*innen lieben ihre Schule.

Die Schule reicht bis zur siebten Klasse (primary school). In dieser Klasse werden dann die letzten Klausuren geschrieben, woraufhin die Schüler*innen, falls sie genug Geld für die passende Uniform haben, in eine weiterführende Schule wechseln können. Die finalen Klausuren in der siebten Klasse fundieren auf einem Multiple-Choice-Verfahren. In verschiedensten Fächern wie „integrated Science“ (Naturwissenschaften), „Chitonga“ (die lokale formale Sprache), „expressive Arts“ (Kunst, Musik und Technik in einem), Englisch oder Mathe usw. werden Klausuren geschrieben.  60 bis 90 Fragen mit vier Antwortmöglichkeiten, von denen immer eine richtig ist. Es gibt sogar IQ-Tests, die das logische und räumliche Denken testen.

Der Unterricht ist etwas anders als in Deutschland. Hier werden die Kinder nur gelegentlich auch einzeln angesprochen, aber nicht so oft wie in Deutschland. Der Lehrer spricht eher alle gleichzeitig an. Wenn er was erklärt, dann fragt er daraufhin zum Beispiel „is everything clear?“, „aye?“ oder „is that not so?“ und dann antworten alle Kinder gemeinsam mit „yes!“. Oder es wird mal von allen Kindern gemeinsam etwas von der Tafel vorgelesen.

Was ich mir da problematisch vorstellen kann, ist, dass dadurch nicht so intensiv auf das einzelne Kind geachtet wird. Auf der anderen Seite nehme ich dieses gemeinsame Lernen im Team auch positiv war.

Die Lasten, mit denen die Lehrer*innen an meiner Schule zu kämpfen haben, ergeben sich aus den beschränkten Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen. Viele praktische Skills wie Nähen, Säen oder Holzarbeiten können meistens nur theoretisch gelehrt werden, weil einfach das Geld für die Ausstattung fehlt. Es gibt auch nur ein paar Bücher pro Fach für die Klasse mit 30 bis 60 Kindern. Mit Arbeitsblättern wird kaum gearbeitet. Stattdessen wird mit der Tafel gearbeitet und über die direkte Kommunikation des Lehrers oder der Lehrerin mit den Kindern.

Die Kinder selbst aus der Malota Gegend haben viele Lasten zu tragen. Auffällige Unterernährung und mangelnde Schulsachen aufgrund der Armut ihrer Familien. Malota ist einfach ein sehr armes Viertel. Das merkt man vor allem an den Kindern. Viele Kinder können nicht zur Schule gehen, weil die nötige Uniform nicht gezahlt werden kann. Es ist so unfassbar wenig Geld vorhanden und nun wurden auch von der US-Regierung Fördermittel gestrichen, was zur Folge hatte, dass ein Sportprojekt für alle Kinder, also auch für die, die sich Schule nicht leisten können, von heute auf morgen gestrichen wurde. Die Folgen sind weitreichend.

Gleichzeitig sind sie aber lebensfrohe Menschen und richtige Energiebündel. Die Schüler lieben ihre Schule. Wer tut dies bitte in Deutschland? Manche meiner Mitschüler hatten keine Lust zur Schule zu gehen. Auch mir ging es gelegentlich so. Nicht, dass meine Schule doof war, aber wahrscheinlich hatte ich einfach so viele außerschulische Möglichkeiten, dass ich die schulische Bildung nicht als so existentiell wichtig erkannt habe und ich damit meine persönlichen Chancen für die Zukunft erschlossen habe. Hier ist es anders: die Kinder sind sehr neugierig zu lernen, und haben bei fast allem Spaß.

Es sind jedoch nur die Wege des Lehrens und Lernens, die sich im Vergleich zu Deutschland unterscheiden. Die Grundstrukturen der Malota Community School hingegen ähneln denen, die ich aus Deutschland kenne. Es gibt hier, genauso wie in Deutschland, einen Schulleiter oder eine Schulleiterin und die Klassenzimmer sowie Lehrerzimmer.

Wichtig ist: Ich muss betonen, dass ich nur von der Schule spreche, an der ich arbeite. Diese Schule ist eben in einem ärmeren Teil Livingstones und funktioniert vielleicht so auch etwas anders, aber sie gibt den Kindern trotzdem das Wichtigste: Bildung. Wie es bei anderen Schulen in Livingstone ist, kann ich nicht genau sagen.

Wie und in welcher Umgebung lebst Du – was fehlt dir?

OH: Ich lebe in Ellaine Brittale, ein Stadtteil Livingstones. In 10 Minuten erreicht man mit dem Fahrrad die Innenstadt und 20 Minuten benötige ich zur Arbeit. Eine schöne Umgebung. Jeden Tag kommen Nachbarskinder vorbei. Man ist nah an allem dran und hat hier eine gute Zeit.

Krass ist der Unterschied zwischen dem Wohnort meiner WG und dem Ort meiner Schule, obwohl sie nah beieinander liegen. Ellaine Brittale unterscheidet sich stark von der Malota-Umgebung. Ellaine Brittale besteht aus vielen einzelnen Grundstücken mit Gärten und Einfamilienhäusern. Hier nutzen die Nachbarn Taxi oder haben ein eigenes Auto, haben Smartphones oder einen Laptop zuhause und die Kinder essen drei Mahlzeiten täglich. In der Malota Umgebung hingegen leben viele Menschen eng beieinander. Die Schüler*innen meiner Schule essen manchmal nichts zum Frühstück und viele Kinder gehen nicht einmal zur Schule. Es passiert Vieles: Kinder gehen in Uniformen zur Schule, einige spielen Fussball, Erwachsene gehen zum Markt, Musik läuft gefühlt überall, es wird gekocht und gewaschen.

Mir geht es gut. Natürlich gibt es Dinge, die mir fehlen, wie durchgehend Strom und Wasser, entspanntere Temperaturen und einfach das Rheinland, das Siebengebirge, das Panoramabad, wo ich nach dem Abi gearbeitet habe, das gute Abendbrot, das es zuhause gab, meine Familie, unsere Hündin Zoe, meine Freunde. So ist das eben, wenn man weg ist. Aber das empfinde ich nicht als schlimm. Ich vermisse gerne Einiges, um dafür hier zu sein. Hier zu sein tut mir jetzt gut und nach einem Jahr bin ich wieder zuhause.

Falls Sie sich noch weiter für mein Projekt interessieren, schauen Sie gerne bei meinem WhatsApp Kanal vorbei. Dort schreibe ich (fast) wöchentlich über meine Erlebnisse zusammen mit Fotos und Videos.
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Außerdem würde ich mich über eine Spende von Ihnen freuen! Dadurch können Sie mir direkt im Projekt helfen. Ich würde zum Beispiel sehr gerne Uniformen an meine Schule spenden, wodurch noch weiteren Kindern, welche sich eine Uniform nicht leisten können, der Zugang zu Bildung ermöglicht würde. Materialien für meinen Kunstclub wären super!

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